Fotografie von berühmten Plätzen: Alles eine Frage der Brennweite oder der richtige Umgang mit Fotoopfern

017-islandSvartifoss

Auf meiner Islandtour hatte ich auf den kilometerlangen Fahrten viel Zeit, über die wirklich wichtigen Dinge des Fotografenlebens nachzudenken. So habe ich mich zum Beispiel gefragt, wie ich zu fotografischen Objekten stehe, die von fast jedem Touristen bzw. Fotografen angesteuert und abgelichtet werden. Gemeint sind eben solche Objekte, wie der Geysir in Island oder der Geirangerfjord in Norwegen.

Froh ist der Fotograf mit dem größten Weitwinkel oder mit der längsten Brennweite. Jetzt nicht im freudschen Sinne, also, wer den Dicksten oder Längsten hat.

Olaf Bathke ist 17 mm Fan

Nein, kann man mit extremen Brennweiten doch ziemlich nahe an das Objekt herangehen bzw. aus der Weite gezielt operieren und so verhindern, dass einem irgendwelche Touris vor die Kamera laufen. Also, je mehr Weitwinkel, desto dichter kann ich mich für einen ähnlichen Bildausschnitt heranwagen, alle anderen stehen dann hinter mir. Sehr lustig war es am Svartifoss (süßer kleiner Wasserfall in Island). Mit meinem Canon 17-40 mm Objektiv konnte ich mich recht weit nach vorne bewegen und die Gesichter hinter den vielen Kompaktkameras in meinem Rücken wirkten ziemlich genervt, da ich immer auf Ihren Bildschirmen rumwuselte. Nur ein Fotograf mit Panoramakamera stand mir dann längere Zeit im Weg.

Ich hatte zudem mit den vielen roten Jack Wolfskin Jacken zu kämpfen, die Touris auf irgendwelche Felsen gaaaanz weit vorne ablegten oder bei Detailaufnahmen in der Nähe des Wasserfalles nicht auszogen. Grün und Rot, das ist ja komplementär. Leider haben die Kompaktkameras mittlerweile alle eine Makrofunktion. 🙁

21.800.000 Ablichtungen

Hat sich eigentlich mal jemand überlegt, wie häufig so ein Wasserfall schon abgelichtet wurde? Nehmen wir nur mal die letzten 10 Jahre im Zeitalter der Digitalfotografie. 200 Besucher pro Tag, 30 Aufnahmen pro Person, 364 Tage im Jahr, 10 Jahre: Macht 21.800.000 Ablichtungen!!!

Wenn man jetzt noch mal bedenkt, dass gerade solche Objekte von vielen berühmten Fotografen besucht wurden und wahrscheinlich alle erdenkliche Lichtstimmungen, Blickwinkel und Positionen schon Anwendung fanden. Dann kann man sicherlich von multiplen Abnutzungserscheinungen sprechen.

Das “Schiefe Turm von Pisa” Phänomen

Der Boden vom Svartifoss wirkte fast wie die Treppen des schiefen Turms von Pisa. (Für diejenigen, die noch nicht auf dem Turm waren: Das ist eine Anspielung in Bezug auf die asymmetrische Abnutzung der Stufen, die bedingt durch die Schiefe des Turms und der Schwerkraft entsteht) Ich hatte einfach nach den Abnutzungen des Bodens geschaut und mich für den idealen Aufbau meiner Kamera an diesen Abnutzungen orientiert. Da wo am wenigsten Gras wuchs, da mussten die besten Fotos gemacht werden können.

Ok, das ist ein Witz. Ich habe mich natürlich gegenteilig verhalten.

Am Geyrangerfjord in Norwegen kann man übrigens ganz einfach dem Uringeruch folgen, der führt zu dem sogenannten Adlerhorst. Die Bezeichnung Adlerhorst resultiert nicht daraus, dass in dieses Nest so viel uriniert wird – nein, dort hat man den vermeintlich besten Blick in den Fjord (und keine Klos trotz Massenandrang). Den Uringeruch fand ich am Geyrangerfjord so irritierend, dass ich mich weigerte, dieses Fotoopfer abzulichten.

Den Svartifoss hatte ich natürlich vor der Reise nach Island noch in diversen Bildbänden zur Einstimmung studiert. Irgendwie bekommt man das Gefühl, den Svartifoss schon zu kennen, wenn man vor ihm steht. Nichts Neues mehr, was sollte man da noch mit dem Fotoapparat erarbeiten, was gilt es noch zu entdecken? Wo bleibt da der Reiz?

Indianer lassen sich nicht gerne Fotografieren

Mir fiel dann irgendwann ein, dass sich Indianer nicht so gerne fotografieren ließen, weil sie Angst hätten, dass Ihnen der Fotoapparat die Seele stehlen könnte. Ja, ist der Mensch mit seiner Technik nicht schon immer eine Bedrohung für die Natur gewesen? Und in der Tat beschloss ich, so vor dem Svartivoss stehend, den Begriff „Fotoopfer“ einzuführen.

Hilfsfond für Fotoopfer

Wie kommt es zu solchen Fotoopfern?

Ich vermute, das Ganze hat etwas mit Rudelverhalten bzw. mit dem verlorengegangenen Respekt vor Mutter Natur zu tun, eventuell sogar mit fehlendem Respekt vor uns selbst. Schließlich erlaube ich der Natur, etwas in mir auszulösen, mit mir zu machen. Das funktioniert an solchen Pilgerstätten für Fotoopfer nur schwerlich.

Letztmöglich ist es vielleicht bei Fotoopfern eine angemessene Haltung, wenn man zunächst auf seinen Fotoapparat verzichtet und das Treiben um diese Szenerie auf sich wirken lässt. Vielleicht erhält man so die Chance einen solchen entweihten Ort auf eine neue Art kennenzulernen.

Ich fordere Dich auf, meinem Hilfsfond für Fotoopfer beizutreten. Der erste Schritt sollte sein, dass wir eine Liste aller Fotoopfer zusammentragen. Danach sollten wir gemütlich bei einem Tee überlegen, was wir mit dieser Liste anfangen.

Also, wo ist Dir in Deinem bisherigem Fotoleben ein solches Fotoopfer begegnet? Ich will es wissen! Schreib es in den Kommentar!

11 Comments
  1. Ok hier meine Liste – Reihenfolge ist nicht wertend.

    Regional:
    1) HDW Kräne
    2) Color-Line Schiffe
    3) Falkensteiner Leuchtturm
    4) Nordertor in Flensburg
    5) Holstentor in Lübeck
    6) Eidersperrwerk
    7) Laboer Ehrenmal

    Europa:

    1.) Brandenburger Tor
    2.) Jungfrau in Kopenhagen
    3.) Eifelturm (wobei der ja mittlerweile ja vor dem Kommerz geschützt wird)
    4.) Hradschin in Prag
    5.) Bergensener Innenstadt vom Floyen aus
    6.) Trafalgar Square in London
    7.) Checkpoint Charly in Berlin
    8.) Die Leuchttürme auf Ouessant

    International:

    1.) Skyline von New York
    2.) Alle Sterne auf dem Walk of Fame
    3.) Yellowstone Nationalpark (Old Faithful Geysir)
    4.) Strip in Las Vegas
    5.) Lady Gaga

    Bis auf Lady Gaga habe ich alle schon mal abgelichtet 😉

  2. Leuchtturm Westerhever
    Olympiagelände München
    Olympiastadion Berlin
    Eigentlich jeder Sonnenauf oder Untergang, egal wo 😉

    Wobei sich ja manche sagen: Ja, es ist schon oft fotografiert worden, nur nicht von mir.

    VG Markus

  3. Es gibt wohl hunderte Milliarden Fotos auf der Welt (allein Flickr hat fast 5 Milliarden) und so ziemlich alles, was man heute halbwegs zivilisiert erreichen kann, ist schon mehr oder weniger “totfotografiert”. Man findet hier und da vielleicht noch mal einen etwas anderen Blickwinkel, ein kleines Details oder man hat Glück mit einer schönen Wolkenformationen im Hintergrund. Aber völlig neue Motive zu finden, ist im Bereich der Landschafts- und Reisefotografie meines Erachtens recht schwer.

    Das extrem fotogene Sossusvlei in Namibia liegt für Reisende aus der westlichen Welt auch nicht gerade um die Ecke. Trotzdem kennt allein Flickr über 16.000 Fotos von da und Microstockagenturen wie Fotolia und iStockphoto haben auch schon hunderte hochwertige Fotos von da.
    http://www.flickr.com/search/?q=sossusvlei&ss=2

    Beim Leuchtturm Westerhever, Eidersperrwerk, Trafalgar Square, Eiffelturm kann ich mitbieten…

  4. Rheinfall bei Schaffhausen
    Schloss Neuschwanstein
    Schloss Laufen am Rheinfall
    Burg Meersburg am Bodensee

    Und dann natürlich die Alpen im abgedroschenen Heidistil mit Kuh, Holzbrunnen, schiefergedecktem Blockhaus und quadratischem Fähnchen .

    Alle Altstädte könnte man auf dieser Liste auch aufführen. Doch wenn ich es richtig bedenke muss man sich bei einer solchen Liste an die Ikonen halten sonst wird man nicht fertig.

  5. Das Rathaus und der Dom zu Aachen, für jedes Foto 1 € und ich brauch nicht mehr arbeiten. http://www.flickr.com/search/?q=aachen%20Dom%20rathaus&w=all Und wer den Puppenbrunnen nochmal anfasst, der bekommt was auf die Finger. http://www.flickr.com/search/?ss=1&w=all&q=aachen+puppenbrunnen&m=text

  6. Die griechische Akropolis
    I Amsterdam, Holland
    Das Kolosseum, Rom
    uvm!!!

  7. Faszinierend finde ich, dass man immer wieder mal Fotos von viel fotografierten Orten sieht, die aus der Masse herausstechen, weil sie besonders sind, vielleicht eine Geschichte erzählen oder weitab der üblichen Touristenstandpunkte fotografiert wurden.

    Der Kölner Dom ist auch ein solcher Ort, der täglich tausendfach aus allen erdenklichen Blickwinkeln fotografiert wird.

  8. Was ist eigentlich mit der chinesischen Mauer!? Ist die auch so überlaufen -:)

    Gruß

    • @Ronny, da war ich noch nie: China
      @Kai: Auch da war ich noch nicht fotografieren: Köln

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