Das Boot in der Nordsee – Eine Bildvorstellung

Gastbeitrag von Martin Hülle:

Es waren die ersten Tage des Jahres. Tief Daisy stand noch bevor und an den Küsten wütete noch nicht der Sturm, der wenig später an der Ostsee Deiche einzubrechen drohte. Zu dieser Zeit reiste ich mit meiner Freundin Nina Wilms an die ostfriesische Nordseeküste, wo zwar schon einiger Schnee lag, sich die Landschaft und das Meer ansonsten aber in aller Ruhe ausbreitete. (dort gibt es dann mehr Bilder der Reise zu sehen)

Wir hatten eine kleine Ferienwohnung in der Ostermarsch gemietet. Der Deich und das Wattenmeer waren nur wenige Minuten Fußweg entfernt und die im Winter besonders verschlafenen kleinen Häfen nicht viel weiter weg. In Greetsiel hielt das Eis die Fischkutter gefangen. Der Strand in Neuharlingersiel war trostlos und verlassen. Doch es war schön, sich den kalten Seewind um die Nase wehen zu lassen, durch frischen Schnee entlang der Küste zu laufen und hinaus auf das graue Meer zu blicken.

An einem der Tage fuhren wir mit der Fähre von Neßmersiel auf die Insel Baltrum, die kleinste der sieben dauerhaft bewohnten Ostfriesischen Inseln. Wie ausgestorben wirkte die Insel an diesem Januartag. Läden und Geschäfte im besiedelten Nordwestteil der Insel – dem „Westdorf“ und dem „Ostdorf“ – waren geschlossen. Hotels und Pensionen hatten ihre Jalousien heruntergelassen. Der Hund schien begraben. Nur die Wellen rollten unaufhörlich an den Strand des Nordseeheilbades, über das wir von der höchsten Erhebung der Insel blicken konnten – eine Aussichtsdüne in der Inselmitte mit 19,3 Metern Höhe.

Gezeitenabhängig wird Baltrum von Fährschiffen der 1928 gegründeten Reederei Baltrum-Linie angesteuert. Mit der Baltrum III ging es nach ein paar Stunden auf der Insel, in denen ich versuchte die winterlich verschlafene Stimmung in Bildern einzufangen, retour nach Neßmersiel. Während der 30-minütigen Überfahrt stand ich auf dem Außendeck des Schiffes und machte Aufnahmen des vorbeirauschenden Wassers. Als ich nach einer Weile aufblickte, waren wir gerade daran ein kleines Boot zu überholen, das in den Wellen der Fähre auf und ab tanzte. Mir schoss eine Bildidee in den Sinn: Das Boot und die Meereswellen in Geschwindigkeit und Harmonie vereint. Um die gewollte Bewegungsunschärfe und einen Wischeffekt zu erzielen, brauchte ich eine lange Belichtungszeit. Rasch stellte ich die ISO-Zahl auf niedrige 200 und die Blende auf 22. So bekam ich um kurz vor 16 Uhr, wo zu dieser Jahreszeit die Dämmerung bereits nahte, bei 170 mm Brennweite eine Zeit von 1/2 Sekunde. Lang genug, um bei all der Schaukelei und dem Fahrttempo die gewünschte Bilddarstellung zu erzielen. Aber es blieb nur Zeit für wenige Auslösungen – schnell war das kleine Boot hinter der Fähre und aus meinem Blickfeld verschwunden.

Einige der Bilder, wo der Mast abgeschnitten oder das Wellenspiel unzureichend war, konnte ich sofort in den Papierkorb werfen. Doch bei einem Foto stimmte die Dynamik. Und es vereinte die Tristesse und die abweisende Dunkelheit eines wolkenverhangenen Wintermeeres mit dem scheinbaren Überlebenskampf eines Schiffes inmitten der grauen Eintönigkeit. Das Bild des kleinen Bootes ist ein Sinnbild dieses Tages auf der Insel Baltrum: Ein verschwommener Horizont, ohne Aussicht und Anhaltspunkte. Ein aufgewühltes Meer, welches den Gang der Zeit bestimmt. Und inmitten der Mensch, der sich darin behauptet.

Schlusswort: Die Nachbearbeitung des Fotos war schnell erledigt. Etwas Verzeichnungskorrektur (ein „Suppenzoom“ lässt Grüßen), Kontrastanhebung und Tonwertkorrektur. Fertig.

Über Martin Hülle:

Martin ist seit vielen Jahren als freier Fotograf, Autor und Reisejournalist tätig. Er ist ein Freund nordischer Landschaften, unternimmt Expeditionen ins ewige Eis und fotografiert und schreibt für Magazine im In- und Ausland.

Über die Fotografie und das Reisen bloggt er unter: www.martin-huelle.de/blog

Wer auf dem Laufenden sein möchte, sollte auch seinen Tweets folgen unter: http://twitter.com/MartinHuelle

4 Comments
  1. Hallo Martin,

    mal ein ganz anderes Bild, was vorgestellt wird. Einmal nicht scharf, bis auf die Mastspitze wie es scheint. Frage mich, wie Du das gerade geschafft hast.

    Ich mag das sehr andere Foto.

    Gruß, Bernd

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