19 Kriterien für die optimale Objektiv Auswahl

Der Griff in den Schrank: Irgendwann trifft es wahrscheinlich jeden professionellen oder ambitionierten Fotografen: Das Objektivarsenal wächst und der Griff in den Objektivschrank wird zur Qual.

Oder die Neuanschaffung: Auch immer wieder gerne in irgendwelchen Foren oder Social Communities gelesen: “Objektiv für … gesucht! Warauf muss ich achten?”

Ein digitaler Kamerabody bestimmt m.E. ca. 30% der technischen Qualität eines Fotos, einem Objektiv hingegen spreche ich ca. 60% Einflussnahmen zu. (Entscheidende Faktoren für die Qualität eines Fotos)

Grund genug, sich mit dem Thema mal objektiv auseinanderzusetzen.

Es gibt viele Kriterien, für die Auswahl eines Objektivs. Nicht immer sind diese Kriterien dem Fotografen bei einer Auswahl bewußt.

Die folgende Auflistung wird euch bei euren Entscheidungsprozessen eine große Hilfe sein.

Ich persönlich unterscheide zwischen primären und sekundären Kriterien für eine Objektivauswahl beim Neuerwerb und somit letzendlich auch bei einer Nutzung.

Primäre Kriterien sind offensichtlich und meistens auch dem Anfänger bei der Objektivauswahl sehr präsent.

Primäre Kriterien

Brennweite
Die Brennweite bestimmt im Prinzip den Winkel des “Sichtfeldes der Kamera” und somit in Abhängigkeit von der Arbeitsdistanz auch den Bildausschnitt des Fotos. Was vielen nicht immer bewußt ist, die Brennweite bestimmt auch das Größen- und Distanzverhältnis von Vorder- und Hintergrundobjekten. Für ein Teleobjektiv mit großer Brennweite im Verhältnis zu einem Weitwinkelobjektiv gilt:

08-009OB--zweisam-einsamEin Tele holt Vorder- und Hintergrund näher heran

Ein Vordergrundobjekt (z.B. ein Baum) wirkt bei einem gleichen Bildausschnitt größer und dem Hintergrundobjekt zudem (z.B. einem Wald) näher. Zwar muss man für diesen gleichgroßen Bildausschnitt weiter zurückgehen, doch holt man durch den Vergrößerungsfaktor der langen Brennweite Fotoobjekte “näher heran”. Man kann durch diesen Effekt leichter eine Beziehung von Vorder- und Hintergrund herstellen. Zudem erhält man auch das Gefühl einer gewissen Nähe und Enge.

Für ein Weitwinkelobjektiv mit kleiner Brennweite im Verhältnis zu einem Teleobjektiv gilt:

Es distanzieren sich Vorder- und Hintergrundobjekte mit der kurzen Brennweite des Weitwinkelobjektivs. Sie “rücken” weiter voneinander weg. Die Beziehung von Vordergrund und Hintergrund herzustellen wird schwerer, man hat eher das Gefühl von Weite und “sich in etwas zu verlieren”.

06-013OB--facingtheproblemsofemigration-9431typische Weitwinkelaufnahme

Dies hilft u.U. auch, den Hintergrund verschwinden zu lassen und das Augenmerk auf den Vordergrund zu lenken.

Lichtstärke

egon-bahr-03Egon Bahr in einem sehr persönlichen Moment bei f2,0

Die Lichtstärke eines Objektivs gibt an, wie viel Lichtenergie den eigentlichen Kamerabody durch das Objektiv im Öffnungsquerschnitt maximal bzw. minimal erreicht. Im Prinzip werden über die Lichtstärke eines Objektives die Grenzen des Einsatzes bei grenzwertigen Lichtverhältnissen definiert. Gute Lichtstärke ist immer ihr Geld wert. Sie ist unter dem Gesichtspunkt einer Belichtungsdynamik Garant für Bildqualität, auch in grenzwertigen Arbeitsbedingungen.

Schärfe und Unschärfe

IMG_0233-copySchärfe UND Unschärfe

Es ist immer wünschenswert über die Möglichkeit von guter Bildschärfe zu verfügen, auch wenn man mit kreativer Unschärfe arbeiten will. Es sind schon Ausnahmeobjektive, die Unschärfe als Qualitätsmerkmal anbieten (Lensbaby). Glasgüte und Bauart entscheiden über die Qualität einer Schärfe. Gerade in Bezug auf eine große Schärfentiefe unterscheidet sich schnell Saulus von Paulus.

Diese primären Kriterien sind sicherlich jedem Fotografen bekannt und bei einer Auswahl bewußt. Sie gestalten in den meisten Fällen primär eine Objektivauswahl.

Kommen wir nun zu den wesentlich spannenderen und meist weniger bewussten Kriterien.
Die sekundären Kriterien für eine Objektivauswahl sind feinsinniger, subtiler und vielleicht auch nicht immer so bewußt beeinflußend bei der Objektivauswahl.

Sie haben aber eine enorme Wichtigkei!

Ich behaupte mal: Mittels der sekundären Kriterien lässt sich am ehesten ein persönlicher Stil definieren. Hier bestimmen Feinheiten die Arbeitsweisen.

Sekundäre Kriterien

Bokeh

FuC--0458-copyLichtgeister

Mythos subjektiver Fotoästhetik: Welches Objektiv verzaubert bei offener Blende die Darstellung der Unschärfe am besten? Kontraste, Farben, Zerstreuungskreise und Lichtreflexe tanzen in Portraitaufnahmen um die Gesichter und geben individuelle Würze. Niemand wird die Frage nach dem besten Bokeh ohne eine gehörige Portion subjektiver Bewertung beantworten können. Durch die eigentliche Unschärfe wird der Blick auf das Wesentliche fokussiert, das Bokeh unterstreicht, umschwärmt und betont. Es ist eine Frage des Experimentierens und des persönlichen Geschmackes, für welches Objektiv man sich unter dem Gesichtspunkt eines Bokehs entscheidet.

Arbeitsdistanz

nahdranIst das Foto schlecht, warst Du nicht dicht genug dran

Der Naharbeitsbereich, bedingt durch die Fokussierbarkeit und die Brennweite eines Objektivs, bestimmt die Nähe bzw. die Distanz vom fotografischen Objekt. Dies ist nicht nur für Makroaufnahmen wichtig.

In der Portraitfotografie achte ich z.B. immer sehr darauf, wie die Menschen auf meine Nähe bzw. Distanz reagieren. Einige Menschen können eine Nähe zum Fotografen gut vertragen, andere weniger.

Gewicht
Wer 14h mit einem Canon 70-200mm f2,8 IS oder einem Canon 85mm f1,2 durch die Gegend turnt, weiß das Canon 50mm f1,8 mit seinem klapprigen, aber leichten Plastikgehäuse zu schätzen. Auch auf längeren Wanderungen mag der qualitätsbewußte Fotograf plötzlich Qualitätseinbußen hinnehmen wollen. Ich habe mich z.B. von anfänglichen 20 Kilo Fotobiwakausrüstung auf ca. 12 Kilo heruntergearbeitet. Spätestens bei längeren Einsätzen, bekommt das Gewicht eines Objektivs eine gewisse Bedeutung. Nicht immer ist Lichtstärke gleich hohes Gewicht, aber selbstverständlich ist Glas ein schwerer Bestandteil im Aufbau eines Objektivs.

Größe
Viel Gewicht bedeutet meistens auch Größe. Größe macht es schwer, unauffällig und unaufdringlich zu arbeiten. Die digitale Fotografie wird sich wieder neu definieren, wenn sich endlich Qualität verkleinern wird. Warten wir auf eine neue Revolution, wie sie Leica mit kleinen und feinen Kamerasystemen Mitte des letzten Jahrhunderts begründet hat.

Festbrennweite vs. Zoom

Nicht immer ist ein maximaler Zoom dem kreativen Prozess dienlich. Es gibt Fotografen, die darauf schwören, mit ihren Festbrennweiten erst einmal ein bisschen arbeiten zu müssen, um einen guten Bildausschnitt hinzubekommen. Die Kreativität kann so arbeiten. Zoom ist sicherlich wichtig, wenn schnelle Reaktionen gefordert sind. Mein Lieblingsfotograf Sam Abell zog für den National Geographic allerdings fast immer nur mit 2 Festbrennweiten (105mm und 28mm) durch die Welt.

Autofokus
Nicht immer hat die Geschwinigkeit etwas mit dem Preis eines Objektives zu tun. Und auch in Sachen Fokus, kann Langsamkeit manchmal einem fotografischen Prozeß dienlich sein. Ich stelle gerne von Hand scharf.

Bildstabilisatoren

Was für den einen wichtiges Kaufkriterium, ist für den anderen Strom fressender Schnickschnack. Ich freue mich über mein Canon 70-200 2,8 IS vor allen Dingen wegen der Bildstabilisation des Mitziehens. Ansonsten sehe ich wenig Grund, viel Wert auf Stabilisatoren in Objektiven zu setzen. Das Geld sollte man lieber in Lichtstärke investieren.

Wetterfestigkeit und Schutz

07-196OB-L-0603-copyKniepsand, das letzte Abenteuer

Schlechtes Wetter macht gute Fotos und Fotoausrüstung kaputt. So eine moderne Kameraausrüstung hält mehr Regen aus, als der ängstliche Fotograf zu glauben meint.

Jeder sollte sich über die Grenzen seiner Objektive allerdings bewusst sein, wenn er sich z.B. bei scharfem Westwind und Deutschlands feinstem Kniepsand beimacht, den Amrumer Leuchtturm zu fotografieren.

Geräuschentwicklung
Eine Kundin brachte es mal fertig, bei fast jeder Auslösung die Augen geschlossen zu haben. Alle Ablenkungsversuche halfen nicht. Bis ich irgendwann den Schuldigen ausmachen konnte: Der Motor für den Autofokus war zu laut. Und wie bei einem pawlofschen Hund regierte die Kunden auf das Knartschen des Motors bei eingeschaltetem Autofokus ängstlich mit einem Augenniederschlag.

Sternchenbildung
Gegenlichtquellen können in Verbindung mit einer möglichst kleine Blendenöffnung wundervolle Sterne erzeugen.

Heimathafen-muster-f16

Nicht jedes Objektiv erledigt diesen Job zufriedenstellend. Ich verweise an dieser Stelle mal an Stefan Rohloff .

Einfärbung

Objektive haben immer unterschiedliche Farbwiedergaben. Ich liebe z.B. mein Sigma 15-30mm ob der warmen, fast schon bräunlichen Tönung.

CRW_1965Das Sigma 15-30mm, ein tolles Weitwinkel

Zwar sind alle Objektivhersteller um Neutralität der Farben bemüht, jedoch kann es diese rein theoretisch kaum geben. Ich glaube, dass die Farbwiedergabe eines Objektivs das am subversivsten wirkenste Kriterium bei einer Objektivwahl ist.

Verzeichnung bzw. Verformung
Die objektive Darstellung der Form eines fotografischen Objektes wird immer dann getrübt, wenn eine falsche Brennweite Proportionen oder Randbereiche verzerrt bzw. aufgebläht darstellt. In der Portraitfotografie sind es vielleicht Eierköpfe, in der gegenständlichen Fotografie stürzende Linien oder Randverzeichnungen. Nur selten lassen sich solche verfremdeten Darstellungen künstlerisch nutzbar machen.

Streulichtempfindlichkeit

Lens flare und dann noch mehr. Vor allen Dingen Objektive im Weitwinkelbereich sind auch mit Gegenlichtblende sehr anfällig für Streulicht von der Seite oder von vorne. Aber auch hier gilt: Streulicht ist nicht immer unerwünscht.

Filtergewinde
Für mich ist es ein wichtiges Kriterium, wenn ich mit einem Satz Objektiven auch ein und denselben Filtersatz nutzen kann. Zusätzliche Filter verwirren mich in meiner Filtertasche nur. Ich hasse es, wenn ich vor einem Objektiveinsatz immer noch Filteradapter verschrauben muss. Wichtiges Kriterium auch: dreht sich das Filtergewinde bei einer Fokussierung mit oder ist es fixiert. Dies ist vor allen Dingen bei Polfiltern oder Verlaufsfiltern wichtig.

Chromatische Aberration
Um es kurz zu machen: Hierbei handelt es sich um eine Farb bzw. Wellenlängen abhängige Bildstörung, die bei bestimmten Objektiven auftreten kann. Ich finde diese Störung in Bezug auf moderne Objektive eher unbedeutend. Gerade in der RAW Konvertierung kann man eine Menge bereinigen. Und ich kenne kein Foto, was sich bei mir aufgrund einer chromatischen Aberration in den Ecken nicht verkaufen würde.

LOOK&FEEL
Ja, was soll man zu diesem Punkt “Objektives” schreiben. Einige meiner Objektive mag ich einfach lieber anfassen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum sie häufiger in meine Kameratasche wandern. Hier wirkt sicherlich nicht nur das Material, sondern auch die Erfahrung durch zahlreiche Einsätze in der Vergangenheit

Der Nutzen dieser Kriterien

Für eine optimale Auswahl müsst ihr euch zunächst mit den Fähigkeiten eurer Objektive vertraut machen. Für ein bestimmtes Foto solltet ihr dann die Anforderungen an ein Objektiv anhand dieser Kriterien festlegen und anschließend einen Abgleich mit den Möglichkeiten eures Objektivarsenals machen.

Ich kann euch beruhigen, auch ich gehe immer noch Kompromisslösungen ein.

Wenn ihr jetzt mal euer Lieblingsobjektiv in die Hand nehmt und die Punkte von oben nach unten durchgeht, dann habt ihr vielleicht noch mal die Möglichkeit, den Lieblingsstatus genauer zu begründen. Was ist euer Lieblingsobjektiv und warum ist es Liebling?

37 Comments
  1. Sehr hilfreicher Artikel und auch sehr interessant geschrieben!

  2. Hallo Olaf

    herzlichen für Deinen Artikel sehr interessant – bin gerade am evaluieren von Objektiven, dein Beitrag hilft mir sicher.

    Hier noch Links mit Tests, die auch dien sekundären Kriterien aufnehmen.

    http://www.traumflieger.de/objektivberater/index.php
    http://www.photozone.de/all-tests

    LG Francesco

  3. @Francesco: Danke für die Links….

  4. @Pgs: Danke, den Fehler habe ich korrigiert

  5. Ich finde Deine Wortwahl immer wieder toll. Neben der fachlichen Qualifikation “fesseln” mich immer wieder die Texte! Besuche oft und gerne Deine Seite!

    Gruß Stephan

    • @Stephan: Vielen Dank für die Blumen und viel Spass beim Wiederkommen…

  6. Danke! Gerade für mich als Neuling sehr interessant!
    Auf was man alles achten kann, bzw. sollte, unglaublich.
    Werde beim nächsten Kauf bestimmt einiges davon berücksichtigen.

    • @Marcus: Es freut mich, dass ich auch Anfänger mit meinen Artikeln begeistern kann. Viel Spass auch noch weiterhin hier….

  7. Hallo Olaf,

    mir scheint, du hast da etwas grundsätzliches bei der Physik der Fotografie falsch verstanden. Bei einer “offenen Blende” ist die Blende ganz weit geöffnet. Die “Blendenzahl” ist dann klein, also z.B. F1,8 oder sogar F1,4. Da die Blende weit geöffnet ist, ist dann auch der Beugungseffekt kaum noch sichtbar, der die “Sterne” erzeugen würde. Wenn du Sterne sehen willst, musst du die blende ganz weit schließen und verwendest also eine große “Blendenzahl”, z.B. F11 oder noch mehr. Nur dann ist die Blende so klein, dass so wenig Licht einfällt, dass sogar die durch den Rand der Blende gebeugten Lichtstrahlen sichtbar sind.

    Insofern ist der folgende von dir geschriebene Satz völlig falsch: “Gegenlichtquellen können in Verbindung mit einer offenen Blende wundervolle Sterne erzeugen.”

    • @Kristof: Vielen Dank für das aufmerksame Lesen und dass Du mich auf den Flüchtigkeitsfehler aufmerksam gemacht hast. Habe ich nun verbessert.

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