Die Wirkung der Bilder aus Japan

Zuletzt wurde ich durch die Ereignisse am 11. September 2001 so ergriffen, wie jetzt durch die Katastrophe in Japan.

Schon damals gingen unbeschreibliche Bilder um die Welt. Mir ging es nach dem Attentat so, dass ich nicht mehr davon loskam, die Bilder der einstürzenden Hochhäuser anzusehen. Trotzdem gelang es mir nicht, das Unfassbare zu verarbeiten. Das ging damals nicht nur mir so.

South Park schuf für dieses Phänomen ein Denkmal, indem die Macher Stans Mutter Sharon Marsh für 8 Wochen auf dem Sofa vor dem Fernseher haben erstarren lassen, Unverständliches von sich gebend. Vor Ihr stapelten sich Alltagsgegenstände, die sie noch mehr aus der Welt entrückt wirken ließen.

Heute ist im Vergleich zum 11. September vieles anders.

Soziale Medien und die Allgegenwärtigkeit von Technik in der Welt bombardieren uns mit Bildern, die wir nicht mehr vergessen werden. So nah, so dicht, als wären wir live dabei.

Das Land, in dem digitale Bilder wahrscheinlich ihre Geburtsstätte hatten, ist in Technik verliebt. Ich glaube in keinem Land ist die Dichte an digitalen Kameras im Verhältnis zur Wohnfläche so groß.

Japanern sagt man nach, dass sie auf Ihren Reisen im Vergleich zu anderen Völkern mit Abstand die meisten Bilder machen.

An dieser Stelle will ich mal nicht vertiefen, welche Erklärungsansätze es für dieses Verhalten japanischer Touristen gibt. Allerdings soll uns Susan Sonntag mal einen Aspekt genauer erläutern, den ich interessant finde: „Die meisten Touristen fühlen sich genötigt, die Kamera zwischen sich und alles Ungewöhnliche zu schieben, das ihnen begegnet. Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollen, machen Sie eine Aufnahme.“

Das Erdbeben, der Tsunami und die andauernde Nuklearkatastrophe werden als Triptychon ihre apokalyptische Wucht die Welt noch lange spüren lassen. Die Bilder werden herumgeistern, wie sie noch nie von einer Katastrophe herumgeisterten. Und von diesen Bildern wird es gerade in Japan sehr viele geben.

Die Aufarbeitung von einem Trauma geht nur, wenn man Erlebtes an sich heranlässt. Dies scheint mir zum augenblicklichen Zeitpunkt fast unmöglich.

Zöge man Parallelitäten zwischen dem Reiseverhalten und der japanischen Kultur, könne man auf die Idee kommen, dass Japaner mit Ihren Kameras das Erlebte einfängen, um es dann hoffentlich später zu verarbeiten.

Jemand, der durch einen Sucher schaut, ist dem realen Leben entrückt, distanziert sich von dem Geschehen, muss Gräuliches nicht an sich heranlassen.

Die aktuellen Geschehnisse werden die japanische Kultur mit Narben verunzieren, wie Erdspalten den japanischen Boden angesichts eines Erdbebens aufreißen. Geht man von der Traumatheorie aus, kann eine Aufarbeitung sehr lange dauern.

Die Allgegenwärtigkeit der Bilder wird hierbei nicht helfen. Sie werden Menschen eher daran hindern, all dies Gräuliche an sich heranzulassen.

http://www.youtube.com/watch?v=4em-W4mGugA
3 Comments
  1. Das ist wirklich unfassbar, nicht zu begreifen und nicht zu verarbeiten. Eines der eindrücklichsten Videos ist für mich das hier. Das ist dramatischer als alles, was sich Hollywood mit all seinen abstrusen Übertreibungen ausdenken könnte.
    http://www.facebook.com/video/video.php?v=1605260179420&comments

    Daneben tun sich so viele bohrende Fragen auf, für die es (zumindest noch) keine Antworten gibt. Warum hat man nicht spätestens nach dem verheerenden Tsunami von Weihnachten 2004 überprüft, wie die am offenen pazifischen Ozean gelegenen AKWs einen Tsunami verkraften? Warum ist es innerhalb von 4 Tagen unmöglich, eine Stromversorgung und eine Kühlung für havarierte Atommeiler zustande zu bekommen? Wie soll Japan mit seinem exorbitanten Verschuldungsstand die finanziellen Folgen des Desasters schultern? …

  2. Ja zuviele Bilder kann man sich davon nicht anschauen. Vor allem aber die Fernsender wie N24 die dauernd die Tsunamiwelle in Japan wiederholen, setzen der Bilderflut noch die Krone auf.
    Es gibt sogar einen deutschen Blogger der kurz nach dem Erdbeben eine Website mit allen Twitter-Meldungen aus Japan gebündelt ins Netz gestellt hat. Viele haben sich bedankt bei ihm. Aber ganz uneigennützig war das sicher nicht.

  3. Dieses Ereignis hat mich seit langem mal wieder auf Seiten wie Spiegel oder ähnlichem die Bildergalerien durchblättern lassen. Einfach erschreckend, aber irgendwie auch faszinierend weil die Reaktionen der Kultur einfach so anders sind, als bei all den Katastrophen die man sonst so in den Medien erlebt.

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